Die Hitzewelle Ende Juni 2026 hat Deutschland an drei aufeinanderfolgenden Tagen neue Allzeit-Temperaturrekorde beschert, zuletzt 41,7 Grad in Brandenburg. Während die öffentliche Aufmerksamkeit zu Recht bei Gesundheit, Verkehr und Waldbränden liegt, gerät ein Bereich regelmäßig aus dem Blick: die IT-Infrastruktur, von der heute praktisch jeder Geschäftsprozess abhängt.

Von Joeri Barbier, Global CISO bei Getronics.

Hitze ist für IT-Systeme kein abstraktes Risiko. Server, Storage und Netzwerktechnik erzeugen im Betrieb selbst erhebliche Abwärme. Steigt die Umgebungstemperatur, muss die Kühlung mehr leisten, und genau hier entsteht die kritische Kette: Klimaanlagen laufen am Limit, der Stromverbrauch steigt, und bei einer Überlastung des Netzes oder einem lokalen Ausfall fällt oft beides gleichzeitig aus, Versorgung und Kühlung.

Die Zahlen sind eindeutig: Eine Branchenumfrage ergab, dass bereits 45 % der Rechenzentren von einem Extremwetterereignis betroffen waren, das den laufenden Betrieb bedrohte, knapp 9 % erlitten dabei einen tatsächlichen Ausfall.

Das eigentliche Problem ist struktureller Natur: Hitze und Netzinstabilität treten zunehmend gemeinsam auf. An heißen Tagen steigt der Strombedarf durch Klimatisierung, während gleichzeitig die Erzeugung sinkt, etwa weil Flusspegel für die Kühlung von Kraftwerken zu niedrig sind.

Das bringt die Netze an ihre Grenzen. Der iberische Stromausfall im April 2025, bei dem Zehntausende in Zügen und Aufzügen festsaßen, hat gezeigt, wie schnell aus einem Netzproblem ein flächendeckender Stillstand wird.

Besonders gefährdet sind dabei nicht die großen, professionell betriebenen Rechenzentren mit redundanter Kühlung und Notstrom. Das eigentliche Risiko liegt in den vielen dezentralen Serverräumen mittelständischer Unternehmen, in umgewidmeten Kellerräumen, in Technikräumen ohne ausgelegte Klimatisierung. Diese Umgebungen wurden für ein Klima geplant, das es so nicht mehr gibt.

Hinzu kommt die OT-Ebene. In der Fertigung handelt es sich häufig um ältere Anlagen und Steuerungssysteme, die für heutige Temperaturextreme nie ausgelegt waren. Bei anhaltender Hitze werden diese Systeme zusätzlich belastet, was das Ausfallrisiko in der Produktion spürbar erhöht. Wo IT und OT zunehmend zusammenwachsen, überträgt sich ein thermisch bedingter Ausfall schnell von der einen auf die andere Seite.

Worauf Unternehmen jetzt achten sollten:

  • Klimarisiko in die Notfall- und Kontinuitätsplanung integrieren
    Risikobewertungen und Business-Continuity-Pläne müssen Extremwetterszenarien abbilden. Was passiert, wenn eine Hitzewelle über mehrere Tage die Kühlung überlastet? Wer das nur für einen einzelnen Spitzentag durchspielt, unterschätzt das Problem.

  • Strom und Kühlung gemeinsam absichern
    Eine Notstromversorgung, die zwar die Server, aber nicht die Kühlung abdeckt, verschiebt den Ausfall nur um Minuten. Microgrids und Insellösungen mit lokaler Erzeugung und Speicher ermöglichen es kritischen Standorten, sich bei einem Netzausfall automatisch abzukoppeln und weiterzulaufen.

  • Monitoring auf die Temperatur ausweiten
    Wer nur CPU-Last und Speicher überwacht, sieht das thermische Problem erst, wenn die Systeme bereits abschalten. Sensoren für Raum- und Gerätetemperatur mit klaren Schwellenwerten verschaffen den entscheidenden Vorlauf. Echtzeit-Energiemonitoring hat bei Industriekunden zudem gezeigt, dass sich der Verbrauch um rund 25

  • Die Cloud als thermische Auslagerung prüfen
    Workloads in professionell betriebene Rechenzentren zu verlagern, entzieht sie dem Risiko schlecht klimatisierter Eigenräume. Für kritische Systeme ist das eine ernsthafte Überlegung wert.

Regulatorisch zieht das Thema bereits an. Die EU-Richtlinie zur Resilienz kritischer Einrichtungen (CER) verlangt ausdrücklich Maßnahmen zur Klimaanpassung in den Resilienzplänen, und NIS2 fordert ein sektorübergreifendes Risikomanagement, das Extremwetter implizit einschließt.

Die Rekordhitze dieses Sommers ist kein Ausreißer, sondern ein Vorbote. Klimaprognosen lassen keinen Zweifel daran, dass solche Ereignisse häufiger und intensiver werden. Für die IT bedeutet das: Thermische Resilienz gehört auf dieselbe Prioritätenliste wie Cybersicherheit und Datenschutz. Wer seine Infrastruktur erst dann überdenkt, wenn die Systeme im Hochsommer ausfallen, hat den richtigen Zeitpunkt bereits verpasst.

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