Das SANS Institute stellt die Ergebnisse des Cybersecurity Workforce Research Reports 2026 vor. Zum ersten Mal in der Geschichte des Berichts haben Qualifikationslücken den Personalmangel als größte Herausforderung der Branche bei der Personalbeschaffung deutlich überholt. Auf die Frage, ob „nicht das richtige Personal“ oder „nicht genug Personal“ das größere Problem sei, nannten 60 % der Unternehmen Qualifikationslücken als das größere Problem.

Nur 40 % gaben einen Personalmangel an. Dieser 20-Punkte-Unterschied hat sich gegenüber den nur vier Punkten vor einem Jahr stark vergrößert und signalisiert einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie die Branche ihre Personal-Krise definiert.

„Es geht nicht mehr darum, Stellen zu besetzen“, fasst Rob T. Lee, Chief AI Officer und Chief of Research beim SANS Institute zusammen. „Unternehmen haben Fachleute. Aber diese Mitarbeiter sind überlastet, verfügen über zu wenige Ressourcen und können die Fähigkeiten, die sie benötigen, nicht entwickeln, weil sie zu sehr mit dem Tagesgeschäft beschäftigt sind. Die Branche muss aufhören, offene Stellen zu zählen, und stattdessen in die Kompetenzen der Mitarbeiter investieren, die sie bereits hat.“

KI verändert Cybersecurity Workforce schneller als Compliance
Der Bericht dokumentiert einen Personalbestand im Umbruch. 74 % der Unternehmen geben an, dass KI bereits Auswirkungen auf die Größe und die Aufgabenstrukturen ihrer Cybersicherheitsteams hat. Doch die Governance hinkt der Einführung weit hinterher: Nur 21 % verfügen über ein umfassendes KI-Sicherheitskonzept, während 7 % überhaupt keine KI-Richtlinien haben.

Mehr als die Hälfte der Unternehmen (54 %) gibt an, über KI-Governance-Richtlinien auf dem Papier zu verfügen, doch nur 38 % bieten ihren Mitarbeitern tatsächlich umfassende Schulungen zur KI-Sicherheit an.

Die Daten zeigen, dass sich KI in erster Linie auf die Effizienz auswirkt, nicht auf den Abbau von Arbeitsplätzen. Beinahe die Hälfte der Unternehmen berichten von einer verkürzten manuellen Analysezeit, und ebenso viele nennen Vorteile durch die Automatisierung von Arbeitsabläufen. Nur 16 % berichten von einem tatsächlichen Personalabbau.

Die strukturellen Auswirkungen reichen jedoch tiefer: Unter den Unternehmen, in denen sich die Rollenverteilung verändert hat, sind SOC- und Sicherheitsanalysten mit 32 % am stärksten von Stellenabbau betroffen, gefolgt von Threat-Intelligence-Analysten mit 26 % und Incident-Responder mit 22 %. Dies sind genau die Einstiegspositionen, in denen die nächste Generation von Cybersicherheits-Führungskräften traditionell ihr Handwerk gelernt hat.

Gleichzeitig entstehen völlig neue Berufsgruppen. Unter den Unternehmen, die neue Stellen geschaffen haben, haben 34 % Positionen für AI/ML-Sicherheitsspezialisten besetzt, 32 % haben AI-Sicherheitstechniker eingestellt und 30 % haben AI-Governance-Analysten beschäftigt. Rob T. Lee berichtete, dass er am 21. März mehr als 2.500 aktive Stellenanzeigen für AI/ML-Sicherheitsingenieure auf Jobplattformen gefunden habe – eine Kategorie, die vor drei Jahren noch kaum existierte.

Compliance entwickelt sich als Einstellungskriterium
Die dramatischste Veränderung gegenüber dem Vorjahr zeigt sich im Bericht bei den Auswirkungen der Regulierung. Im Jahr 2025 gaben 40 % der Unternehmen an, dass regulatorische Vorgaben ihre Einstellungsverfahren beeinflussten. Im Jahr 2026 stieg dieser Anteil sprunghaft auf 95 % an – ein Anstieg um 55 %.

„Das ist eine ziemlich faszinierende Veränderung“, sagt James Lyne, CEO des SANS Institute. „Hier geht es nicht um eine geringfügige Anpassung an Compliance-Anforderungen. Unternehmen schaffen völlig neue Fachpositionen, strukturieren Teams entsprechend den regulatorischen Anforderungen um und müssen mit konkreten Konsequenzen rechnen, wenn sie dies nicht tun.“

Der regulatorische Druck kommt aus verschiedenen Richtungen. An der Spitze steht NIS2 mit 30 % der Unternehmen, die Auswirkungen auf die Personalbeschaffung melden, gefolgt von CMMC mit 29 und DORA mit 26 %.

Die Nachfrage nach neuen Fachkräften hat sich fast verdoppelt und ist im Jahresvergleich von 23 auf 53 % gestiegen. Parallel dazu beschleunigt sich die Einführung von Rahmenwerken: 56 % der Unternehmen nutzen mittlerweile NICE- oder ECSF-Personalaufbaukonzepte zur Definition von Cybersicherheitsrollen, gegenüber 46 % im Vorjahr.

Die Qualifikationslücke führt zu messbaren Sicherheitsmängeln
Die Folgen der sich vergrößernden Qualifikationslücken sind längst keine Theorie mehr. Der Bericht belegt, dass 27 % der Unternehmen konkrete Sicherheitsverletzungen erlebt haben, die eine direkte Folge von Kompetenzlücken in der Belegschaft waren.

Der Fachkräftemangel führt zudem zu Projektverzögerungen (57 %), erhöhtem Burnout im Team (47 %), einer langsameren Reaktion auf Vorfälle (47 %), der Unfähigkeit, neue Technologien einzuführen (42 %), sowie eingeschränkten Monitoring-Möglichkeiten (42 %).

Budgetbeschränkungen (36 %) und Zeitdruck (21 %) machen 57 % der Haupthindernisse aus, die Unternehmen daran hindern, diese Lücken zu schließen. 60 % nennen Zeitmangel aufgrund der Arbeitsbelastung als ihr größtes Hindernis für Schulungen. Teams, die mit der Bewältigung operativer Notfälle beschäftigt sind, können einfach nicht innehalten, um die Fähigkeiten zu entwickeln, die sie benötigen, um mit den sich entwickelnden Bedrohungen Schritt zu halten.

Krise bei der beruflichen Weiterentwicklung gefährdet jüngere Fachkräfte
Unklare Karriereperspektiven haben sich als Einstellungshindernis verdreifacht und sind im Jahresvergleich von 9 auf 32 % gestiegen, womit sie die drittgrößte Herausforderung für Unternehmen bei der Gewinnung von Talenten darstellen. Mit 31 % rangieren sie zudem an dritter Stelle der größten Hindernisse für die Mitarbeiterbindung. Dennoch geben nur 24 % der Unternehmen an, klar definierte und deutlich kommunizierte Karrierewege im Bereich Cybersicherheit anzubieten.

Unternehmen bauen ihre Strukturen von oben nach unten neu auf und stellen erfahrene Fachkräfte ein, um unmittelbare Anforderungen an Compliance und Kapazitäten zu erfüllen, anstatt in die Entwicklung von Nachwuchstalenten zu investieren.

Führungskräfte und CISOs kontrollieren mittlerweile 53 % der Einstellungsentscheidungen. Expertenpositionen (mit mehr als 15 Jahren Erfahrung) sind mit 27 % am schwersten zu besetzen, und 55 % der Einstellungen von Führungskräften dauern sechs Monate oder länger. Einstiegspositionen stellen dagegen mit nur vier % nur minimale Herausforderungen bei der Personalbeschaffung dar.

Zertifizierungen überholen akademische Abschlüsse als wichtigstes Einstellungsmerkmal
Zertifizierungen gelten mit 64 % nun als die branchenweit führende Methode zur Kompetenzüberprüfung – noch vor Kompetenzbewertungen bei der Einstellung (49 %) und internen Bewertungen (48 %). Bei der Beurteilung von Mitarbeitern halten 58 % der Unternehmen Zertifizierungen für sehr wichtig oder äußerst wichtig. Akademische Abschlüsse belegen hingegen mit nur 17 % den letzten Platz unter den Einstellungsprioritäten.

Technische Fähigkeiten führen nun mit 55 % alle Einstellungskriterien an, gefolgt von Berufserfahrung mit 46 %, Einstellung mit 37 % und Begabung mit 34 %. Die Frage, die Personalverantwortliche stellen, hat sich von „Welche Qualifikationen besitzen Sie?“ zu „Können Sie Ihre Kompetenz unter Beweis stellen?“ verschoben.

Der Stress im Team steigt, da Burnout den Fachkräftemangel noch verschärft
61 % der Unternehmen berichten von erhöhtem Stress in ihren Cybersicherheitsteams in den letzten zwei Jahren. Die Hauptursachen spiegeln die zentralen Ergebnisse des Berichts wider: Arbeitsbelastung und Personalmangel (46 %), Budgetbeschränkungen (40 %) sowie die Komplexität der Bedrohungen (40 %).

James Lyne verwies auf neue Forschungsergebnisse zum Thema „AI Fry“, wonach Produktivitätswerkzeuge durch ständigen Kontextwechsel paradoxerweise das Burnout verstärken. „Ich spreche selten mit Teams, die nicht zu 100 % ausgelastet sind“, sagte er dem Publikum. „Dies deutet auf ein erhöhtes Risiko hin, dem Führungskräfte mehr Aufmerksamkeit schenken müssen als in den vergangenen Jahren.“

Empfehlungen des Berichts
Der Bericht von 2026 enthält neun strategische Empfehlungen für Führungskräfte im Bereich Cybersicherheit, darunter:

  • Entwicklung eines Programms zur KI-Governance und Durchführung von grundlegenden KI-Sicherheitsschulungen für alle Mitarbeiter

  • Aufbau eines Pools an Nachwuchskräften, die durch strukturierte Mentorenprogramme und Jobrotationen für die Arbeit mit KI-Tools qualifiziert werden. 

  • Nutzung von Personal-Frameworks wie NICE, ECSF oder SCyWF zur Definition von Qualifikationsanforderungen

  • Schaffung und Stärkung von Karrierewegen für Mitglieder des Sicherheitsteams und einzelne Mitarbeiter

  • die Fähigkeiten des Teams zu validieren und zu dokumentieren, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen

  • sowie die Entwicklung eines Plans zur Reaktion auf Cybervorfälle, der auch Stakeholder außerhalb des Sicherheitsteams einbezieht.

Über den Report
Für den „2026 Cybersecurity Workforce Research Report“ von SANS | GIAC wurden weltweit 947 Teilnehmer aus sechs Regionen befragt: Nordamerika (56 %), Europa (16 %), Lateinamerika (14 %), Asien-Pazifik (7 %), Afrika (5 %) und dem Nahen Osten (2 %).

Die Befragten setzen sich aus Führungskräften im Bereich Cybersicherheit/InfoSec (72 %), Fachkräften aus den Bereichen Personalwesen und Talentakquise (16 %) sowie Personen mit beiden Aufgabenbereichen (12 %) zusammen. Die Unternehmen reichen von kleinen Betrieben bis hin zu Konzernen mit mehr als 100.000 Mitarbeitern aus über 20 Branchen. Dies ist die dritte Ausgabe des Berichts.

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